Europa
sagt man zuweilen nach, dass es einen weniger verklemmten Zugang zur
Sexualität pflege, als die USA. Gerade in den so genannten wilden
20er Jahren soll es "bei uns" in punkto Sex lockerer zugegangen
sein, als in den USA. Das mag vielleicht für eine bestimmte Schicht,
aber nicht für die breite Bevölkerungsmasse zugetroffen
haben. Dort herrschte, auch bei uns, Unaufgeklärtheit und Verklemmung
bis weit in die frühen 60er Jahre. Zwar wurden bei uns bestimmte
Sexualpraktiken wie Oralverkehr nicht wie in den USA unter Strafe
gestellt, aber für gelebte Homosexualität ging man auch
in Deutschland ins Gefängnis. Der berüchtigte § 175
sorgte dafür.
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Diese
gesellschaftliche Stimmung der 30er bis 5Oer Jahre muss man sich
immer wieder ins Gedächtnis rufen, will man T. C.Boyles Roman
"Dr. Sex" wirklich goutieren. Wobei der deutsche Titel
eigentlich der Intention von Boyle widersprechen dürfte. Im
Original trägt der Band den Titel "The Inner Circle".
Und genau darum geht es Boyle eigentlich, den inneren Bannkreis
der Mitarbeiter um Prof. Dr. Kinsey, der zeitgleich auch im Mittelpunkt
eines biographischen Filmes stand.
Boyle
schildert minutiös aus der Perspektive des fiktiven Provinz-Studenten
John Milk den Einstieg in Kinseys Gedankenwelt und Sexualleben.
Für John Milk wird Professor Kinsey zum Ersatzvater, den er
kritiklos bewundert. Kinsey macht ihn zuerst zum persönlichen
Assistenten bei den Forschungsarbeiten, später dann quasi zum
Familienmitglied. Milk erlebt so seine ersten sexuellen Erfahrungen
mit Kinseys Frau Mac und beginnt eine homosexuelle Beziehung mit
Kinsey selbst. Zu ernsthaften Krisen führt diese Konstellation,
als sich Milk und die Studentin Iris lieben lernen und heiraten.
Kinsey, der in Boyles Roman als fanatischer und autokratischer Wissenschaftler
gezeigt wird, kann das nicht so einfach hinnehmen. Auf der einen
Seite Kinseys Trennung von Sex und Liebe, eigentlich Promiskuität
in jede Richtung, auf der anderen Seite die Zweierbeziehung von
Iris und John, das aufeinander bezogen sein und daraus resultierende
Konflikte wie Eifersucht auf den Partner.
Schon im vorhergehenden Roman “Drop
City“ war dies Boyles eigentliches Thema - der Gegensatz
des animalischen Wesens des Menschen zu seinem Geist. Der zügellose
Sex der Nacht mit einem fremden Menschen und das morgendliche Grauen
im Verhältnis zum geliebten Partner nach dem One-Night-Stand.
Doch Boyles Thema, der Zusammenhang von Sexualität und Liebe,
dürfte dem realen Kinsey völlig egal gewesen sein. Was
man heute über Kinsey weiß, dürfte der Mensch in
seiner Forschungsarbeit auch nichts anderes als eine
Gallwespe gewesen sein, die er vor seiner Tätigkeit als Humansexualforscher
akribisch gesammelt und analysiert hatte.
Der Rezensent las den Roman mit gemischten Gefühlen. Welchen
Sinn macht die fiktive Handlung über eine historische Persönlichkeit,
die die Realität dieser Person nur rudimentär widerspiegelt?
Wäre es da nicht sinnvoller gewesen, eine Geschichte über
einen komplett fiktiven Sexualwissenschaftler zu erzählen?
Dann würde sich der Roman allerdings wahrscheinlich schlechter
verkaufen. Und selbiges wird sich Boyle wahrscheinlich auch gedacht
haben.
G. N.
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