"He Kleiner,
haste ma swansig Pfennich sum telefonieren, he?". Dieses Angeschnorre von
zugedröhnten Hippies nervte mich als Kind Ende der 70er Jahre tödlich. Als
12-13jähriger hasste ich diese "Erwachsenen" die uns nach der Schule
mit ihrem Gelalle auflauerten. 20 Pfenning waren für mich damals ein kleines
Vermögen. Taschengeld war knapp und für richtigen Luxus musste ich malochen -
Flaschenpfand sammeln, die Tengelmänner nach liegengelassenen Rabattmarken
abklappern, oder Oma Vollert aus dem dritten Stock die Einkaufstaschen
schleppen. Eine Menge Schweiß. Was mir die Hippie-Generation als erstes
beibrachte, war ihre Asozialität. Man lebte auf Kosten Anderer. Sozialhilfe,
Mamas oder Papas Schecks, Diebstahl um den Drogenkonsum zu finanzieren. Sie
erzählten etwas vom Leben in freier Liebe, Meditation und Solidarität - im
konkreten Leben lief das genaue Gegenteil ab.
| |
 |
|
| |
In
seinem, mittlerweile neunten Roman, bringt es Erfolgsautor T. C.
Boyle ("Dr. Sex") auf den Punkt.
Boyle, Jahrgang 1948 war Teil der Hippie-Bewegung. Noch heute merkt
man bei Lesungen seinem Outfit die Sympathie für die damalige Zeit
an, aber Boyle war in seinen Romanen noch nie etwas heilig. DROP
CITY ist eine ungeschminkte Aufarbeitung der Flower-Power-Ära. Die
sogenannte freie Liebe, der hemmungslose Partnertausch, war wahrscheinlich
nichts als die Erfindung von irgendeinem Freak mit Pickeln und widerlich
fettigem Haar, der einfach nie jemanden zum vögeln finden würde,
lässt er bereits im ersten Kapitel eine seiner Romanfiguren sagen.
Treffender hätten es auch die Feministinnen nicht ausdrücken können.
Oberguru Norm hat in Kalifornien
eine Farm mit Land geerbt und eröffnet dort die Hippie-Kommune DROP
CITY um seine Utopie eines anderen Lebens umzusetzen. Die Mehrzahl
der dort ansässigen Drop Outs kümmert sich allerdings, im wahrsten
Sinne des Wortes, einen Scheiß um das soziale Miteinander. Es ist
eine Minderheit die niedere Tätigkeiten wie Kochen, Waschen, Putzen,
für Nahrungsmittel sorgen oder den Gemüseanbau ausführt. Der Rest
hängt locker ab, schnorrt sich durch, müllt das Land zu und scheißt
überall hin, wo sich noch ein freies Plätzchen findet. Kein Eigentum
für Niemand, stiehlt man dem Hippiekumpel sogar das Toilettenpapier.
Eine Wende findet statt, als in der Kommune eine minderjährige Aufreißerin
vergewaltigt wird und ein kleines Kind aus Versehen einen LSD-Cocktail
zu sich nimmt.
An diesem Punkt des Romans setzt ein paralleler Erzählstrang ein,
der in der Wildnis Alaskas spielt. Hier führt der Trapper Sess in
einer spartanischen Blockhütte ein fast autarkes Leben mit Pam,
die er über eine Kontaktanzeige kennen gelernt hat und die von der
städtischen Zivilisation die Nase voll hat. Überschwänglich schildert
Boyle die sommerliche Schatzkammer des weiten Alaska. Jagen, Fischen
und Sammeln - die Speisekammer muss für den harten Winter gefüllt
werden. Doch auch hier ist die Idylle durch Psychopathen getrübt,
die Sess und Pam ihr junges Glück nicht gönnen. Zu allem Überfluss
hat die Drop City-Kommune beschlossen die zugeschissene Farm in
Kalifornien zu verlassen und nach Alaska zu ziehen. "Wir zetteln
da oben eine Revolution an! Flower Power in der Tundra!", gibt
Oberguru Norm als Devise aus. Das Ende dieser Magical Mystery Tour
findet im 50 Grad kalten Winter Alaskas statt. Das Gesetz der Wildnis
heißt "Pack an, oder zieh Leine". Hier trennt sich die
Spreu vom Weizen. Die Schmarotzer gehen unter und hier schafft Boyle
in seiner furiosen Erzählung auch ein versöhnliches Ende. Beide
Lebensformen, promiske Kommune vs. konservative Zweibeziehung lernen
voneinander. Die wahre Revolution kommt durch die Natur, die unsere
Lebensumstände immer bestimmen wird.
G. N.
Dieses
BUCH bei AMAZON bestellen, hier anklicken
Bücher
von T. C. Boyle bei ebay kaufen, hier anklicken
Krimis
und Thriller bei ebay kaufen, hier anklicken
|