Auf Fotos sieht
John Ronald Reuel Tolkien immer wie das Musterexemplar eines typischen Briten
aus. Er wurde jedoch keineswegs im nebeligen England geboren, sondern
erblickte 1892 im südafrikanischen Bloemfontein das Licht der Welt. Es wäre
nun aber sehr kühn zu behaupten, die Konflikte zwischen schwarz und weiß im
Apartheitsstaat hätten direkten Einfluss auf Tolkiens strikt in Gut und Böse
eingeteilte Fantasy-Welt gehabt. Dies ist kaum möglich, weil der kleine
Tolkien bereits 1895 gemeinsam mit seiner Mutter Mabel und seinem jüngeren
Bruder Hilary Arthur Reuel per Schiff nach England segelte. J. R. R. Tolkien
sollte seinen Vater niemals wieder sehen, denn dieser erlag kurz darauf in
Südafrika an einem rheumatischen Fieber.
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Die
Restfamilie lebte nun im Westen Englands in der Nähe von Birmingham.
Diese zauberhafte Gegend hat ganz gewiss Tolkiens Beschreibung des
idyllischen Auenlandes, der Heimat der Hobbits, beeinflusst. Hier
konvertierte Mabel Tolkien von der anglikanischen zur katholischen
Kirche. Dies war für die damalige Zeit keinesfalls typisch, man
denke nur an die noch heute hitzig anschwellenden Konflikte in Nordirland.
Jedenfalls lernten die Tolkiens so Pater Francis Xavier Morgan kennen,
der sehr wichtig für das weitere Leben von J. R. R. sein sollte.
Zunächst wuchsen die Tolkien Brüder jedoch in einer wunderschönen
ländlichen Gegend heran, die von verschrobenen aber freundlichen
Menschen bewohnt wurde. Diese Idylle wurde jedoch schon sehr bald
ganz erheblich getrübt. 1904 verlor Tolkien auch noch seine Mutter,
die an den Folgen von Diabetes starb. Die Brüder Tolkien zogen zunächst
nach Birmingham zu einer Tante in ein hässliches Stadthaus. Dort
vermissten sie das unbeschwerte Landleben mit ihrer Mutter.
Als Pater Morgan bemerkte,
dass die Tolkiens in Birmingham nicht glücklich waren, besorgte
er ihnen ein neues Zuhause in der Nähe seiner Kirche. Dort lernte
der sechzehnjährige Tolkien die drei Jahre ältere Edith Bratt kennen
und schon sehr bald auch lieben. Pater Francis, der auch Tolkiens
Vormund war, sah sich gezwungen ein Machtwort zu sprechen. Dies
lautete: "Du wartest bis Du einundzwanzig bist!" Da Tolkien
den Geistlichen respektierte, fügte sich widerwillig und nahm ein
Studium in dem in Oxford gelegenen Exeter College auf. Er fühlte
sich in der Stadt sofort sehr wohl, vergaß aber nicht seine regelmäßigen
Briefe an Edith. Besonders faszinierte ihn ein Professor Wright,
der vergleichende Sprachwissenschaften unterrichtete. Daher begann
Tolkien sich zahlreiche Sprachen anzueignen. Doch er war nicht nur
hochgeistig tätig, sondern spielte auch im Rugby-Team der Uni. Eher
er sich versah war Tolkien einundzwanzig Jahre alt. Prompt fuhr
er zu seiner Edith, schlug noch schnell einen Rivalen aus dem Feld
und heiratete dann sofort.
Kurz nach der Eheschließung wurde Tolkien eingezogen und kämpfte
in Frankreich gegen die Deutschen. Diese Zeit des Ersten Weltkrieges
war für das junge Paar sehr hart, denn während Tolkien als Zweiter
Leutnant der Infanterie an der Front eingesetzt wurde, erschrak
seine Frau bei jedem Brief, der sie erreichte. Doch nachdem Tolkien
sich das Schützengraben-Fieber zugezogen hatte wurde er nach Hause
geschickt und begann bereits im Armee-Hospital zu schreiben.
Nach einem kurzen Zwischenspiel an der Universität von Leeds kehrte
Tolkien nach Oxford zurück und nahm dort die Professur für englische
Geschichte des Mittelalters an. Er arbeitete dort auch am englischen
Gegenstück zum Duden und lernte seinen Professoren-Kollegen C. S.
Lewis kennen, der sein bester Freund werden sollte. Lewis feierte
bereits große Erfolge mit dem siebenbändigen Kinderbuch-Zyklus um
das hinter einem Wandschrank gelegene Fantasy-Land Narnia. Dass
Oxford-Professoren sich als Autor von versponnenen Büchern versuchen,
hat Tradition seit Lewis Carroll hier "Alice im Wunderland"
verfasste. So war es nicht weiter verwunderlich, dass Tolkien irgendwann
zwischen 1930 und 1935 (er konnte sich später beim besten Willen
nicht mehr daran erinnern, wann es genau gewesen ist) folgende Zeile
schrieb: "In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit."
Einige Jahre ruhte dieser Satz und Tolkien begnügte sich damit
für seinen Kindern "Briefe
vom Weihnachtsmann" zu verfassen.
Doch am 21. September 1937 erschien schließlich das Buch "Der
kleine Hobbit" und wurde als Erzählung gefeiert, die sowohl
Kinder als auch Erwachsene lesen konnte. Bei den Hobbits handelt
es sich um Wesen, die zwischen 60 und 120 cm groß sind, auch Halblinge
genannt werden und sehr große wollig behaarte Füße haben. In seinem
ersten Buch schildert Tolkien die Abenteuer des eher bequemen Hobbits
Bilbo Beutlin, der mit dem Zauberer Gandalf und 13 Zwergen zu einem
großen Abenteuer aufbricht. Dabei gelingt es Bilbo einer glibschigen
Kreatur namens Gollum einen Ring abzuluchsen, der seinen Träger
unsichtbar macht. Ferner trifft er auf Orks, eine Riesenspinne und
einen feuerspeienden Drachen. Als Bilbo schließlich in sein geliebtes
Auenland zurückkehrte, war er nicht mehr derselbe. Er empfing oft
seltsame Besucher, galt als verschroben und setzte den magischen
Ring nur ein, wenn ungebetene Gäste kamen.
Nach dem "Hobbit" verfasste Tolkien einige kleinere Fantasy-Geschichten
und arbeitete an dem "Silmarillon", der "Bibel von
Mittelerde". Hierin schildert Tolkien die komplette Historie
seiner Fantasy-Welt. Sein Sohn Christopher sollte das Buch später
ergänzen und erst nach dem Tode seines Vater herausbringen. In diesem
voluminösen Werk nahm die im Herrn der Ringe erzählte Geschichte
(inklusive der Vorgeschichte aus "Der kleine Hobbit")
nur knapp zwei Seiten ein.
"Ich habe soeben einen großen Becher geleert und einen langen
Durst damit gestillt", schrieb C. S. Lewis nachdem er die Ehre
hatte der erste Leser von Tolkiens Epos "Der Herr der Ringe"
zu sein. "Die Gefährten", der erste Teil der Trilogie
erschien im Sommer 1954 und recht bald folgten "Die zwei Türme"
und "Die Rückkehr des Königs".
Die Geschichte beginnt 60 Jahre nach den in "Der kleine Hobbit"
geschilderten Vorkommnissen. Bilbo Beutlin feiert seinen "einundelfzigsten"
Geburtstag, wird also 111 Jahre alt, während sein Lieblingsvetter
Frodo am selben Tage mit 33 Jahren die hobbitsche Volljährigkeit
erreichte. Bilbo will das Auenland verlassen und auf Reisen gehen.
Er verschenkt all seinen Besitz. Nur den magischen Ring gibt er
erst auf Druck von Gandalf an Frodo weiter und dieser erlebt nun
zahlreiche Abenteuer bei seiner Reise zum Schicksalsberg im dunklen
Lande Mordor. Hier soll der Ring zerstört werden, damit der mächtige
Zauberer Sauron nicht unbesiegbar wird.
Genau wie beim "Kleinen Hobbit" ist es auch beim "Herrn
der Ringe" zunächst einmal die idyllische dörfliche Welt der
liebenswerten Hobbits, die den Leser verzaubert und für diese Wesen
einnimmt. Gerade der Anfang des Buches bleibt am längsten im Gedächtnis
haften. Wer erinnert sich nicht an Bilbos Ansprache auf seiner Geburtstagsfeier:
"Ich kenne die Hälfte von Euch nicht halb so gut wie ich es
möchte und ich mag weniger als die Hälfte von Euch auch nur halb
so gern, wie ihr es verdient!" Wenn Bilbo oder Frodo dann noch
mit gewaltigen Aufgaben und Gefahren konfrontiert werden, kann der
Leser gar nicht anders als mit diesen sympathischen Gnomen zu fiebern.
"Der Herr der Ringe" wurde zu einem gewaltigen Erfolg
und bei vielen Umfragen zum "Buch der Bücher" gekürt.
Tolkiens Leben wurde dadurch ein wenig unbeschwerter, aber er blieb
zeitlebens auf dem Teppich und mit seiner geliebten Edith zusammen,
der er am 2.September 1973, knapp zwei Jahre nach ihrem Tode, ins
Grab folgte.
Wer sich ausführlicher mit Tolkiens Leben beschäftigen möchte, dem
sei dies reich bebilderte und sehr lebendig geschriebene Buch empfohlen.
Somit ist Michael Corens einfühlsame und nicht allzu ausufernde
Biographie die optimale Einstimmung auf das Filmereignis der nächsten
drei Jahre: Peter Jacksons monumentale dreiteilige Verfilmung von
Tolkiens Meisterwerk.
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von "Der Herr der Ringe"
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