Genau wie "Der
Herr der Ringe" ist auch bei der Spider-Man-Verfilmung die
Tatsache bemerkenswert, dass hier kein aalglatter Hollywood-Routinier
in den Regie-Sessel gesetzt wurde, sondern jemand, der sich seine
ersten Sporen durch ziemlich drastischen Horrorfilmen verdient hat.
Während der neuseeländische Tolkien-Verfilmer Peter Jackson zunächst
mit den ebenso preiswerten wie blutigen Schockern "Bad Taste"
und "Braindead" auf sich aufmerksam machte, erreichte dies
Sam Raimi durch seine Trilogie um den von Bruce Campbell gespielten
Ash und dem "Buch der Toten".
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Der 1982 von Raimi und einigen
Freunden für 350.000,- Dollar gedrehte Streifen "Tanz der Teufel"
erregte nicht nur die Aufmerksamkeit Stephen Kings sondern fiel auch
unserer Bundesprüfstelle auf, die den Film einem erwachsenen Publikum
nur mit nicht unerheblichen Schnittauflagen zumuten wollte. Raimi
drehte 5 Jahre später mit "Tanz der Teufel 2" weniger eine
Fortsetzung als vielmehr eine Neuverfilmung des Stoffes, der man ihr
sehr viel höheres Budget auch deutlich ansah. 1993 schließlich beendete
der sehr phantasievolle Fantasy-Horrorfilm "Die Armee der Finsternis"
schließlich die diesmal gar nicht mehr so blutige Geschichte. (Mittlerweile
ist aber auch von einem weiteren vierten Film die Rede.) Zwischendrin
drehte Raimi aber auch noch "Darkman" mit Liam "Schindler"
Neeson. Dieser Film konnte durchaus als eine etwas düstere Superhelden-Verfilmung
gedeutet werden.
Bei all diesen Filmen handelte es sich um keine gewaltigen Blockbuster,
doch trotzdem wurde immerhin Sharon Stone auf Raimi aufmerksam. Diese
produzierte gerade einen Western in dem sie auch die Hauptrolle spielte.
Der aufregende visuelle Stil den Raimi für seine Horror-Schocker gefunden
hatte, schien genau der richtige für "Schneller als der Tod"
zu sein. Auch bei der Wahl ihrer Partner erwies Sharon Stone visionäres
Geschick, denn als ihre Duellgegner agierten neben Gene Hackman noch
Leonardo di Caprio (vor "Titanic") und Russell Crowe (vor
"Gladiator"). Zwar wurde auch "Schneller als der Tod"
kein gewaltiger Erfolg, aber dank seiner sorgfältigen Inszenierung
war der Film eine sehr gute Visitenkarte für Raimi der anschließend
den kleinen (aber feinen) schwarzen Thriller "Ein
einfacher Plan" und den gar nicht so schlechten Kevin Costner-Baseball-Film
"Aus Liebe zum Spiel" folgen ließ.
Bei "Spider-Man" landete Raimi erst nachdem endgültig klar
war, dass der "König der Welt" es mittlerweile für unter
seiner Würde hielt eine Comic-Verfilmung zu inszenieren. James Cameron
ging schon ewig mit einem "Spider-Man"-Projekt schwanger.
Er verfasste ein komplettes Drehbuch und ließ auch schon erste Probeaufnahmen
zum Testen der Spezialeffekte drehen. Ursprünglich sollten die Stars
aus "Terminator" die Hauptrollen spielen: Michael Biehn
als Peter Parker und Arnold Schwarzenegger als Doktor Octopus. Doch
ein langwieriger Streit um die Copyright-Rechte legte den "Spider-Man"-Film
erst einmal auf Eis. Doch auch nach "Aliens", nach "Abyss"
und nach "Terminator 2" hatte Cameron weiterhin Interesse
an der Comicfigur. Erst nach den vielen Oscars für "Titanic"
(und wohl auch nach den Anstrengungen bei den Dreharbeiten) erlahmte
Camerons Interesse. Dies qualifizierte schließlich Raimi für den Job.
Dieser hatte sich zwischendrin auch noch einen Namen als Produzent
der erfolgreichen TV-Serien "Hercules" und "Xena"
gemacht.
Das endgültige Drehbuch zum Film verfaßte David Koepp, der schon die
ersten beiden "Jurrasic Park"-Filme geschrieben (und sich
sogar als T-Rex-Opfer in den zweiten Film gemogelt) hatte. Koepp verarbeitete
dabei auch Ideen von James Cameron, der eine wesentliche Änderung
an der Hauptfigur vornahm. Während Peter Parker im Comic durch den
Biss einer radioaktiven Spinne seine Superkräfte erhielt, so ist es
nun im Film eine genetisch veränderte Spinne, die den jungen Parker
während eines Schulausfluges beißt. Hierdurch ist es nicht mehr nötig,
Peter Parker als das ganz große Bastelgenie darzustellen, der sich
nicht nur ein Kostüm näht, sondern auch in Windeseile mechanische
Netzdüsen entwickelt, die eine ganz spezielle Spinnenflüssigkeit verschießen.
Im Film besitzt der mutierte Parker jetzt organische Netzdrüsen. Auch
Sam Raimi gefiel die Idee: "Ich hielt es für eine echte Verbesserung
und ließ es deshalb im Drehbuch."
Ansonsten hält sich der Film an die Vorgaben des Comics und benutzt
den Tod von Onkel Ben als tragischen Moment um den zunächst als Wrestler
herumtobenden Peter Parker endgültig klar zu machen, dass große Macht
auch große Verantwortung mit sich bringt. Auf Doktor Octopus als Schurke
wurde verzichtet und statt dessen auf den Green Goblin zurückgegriffen.
Hier hätte sich natürlich angeboten auch die tragische Geschichte
um Gwen Stacy (die bei Spidey Kampf mit Doc Ock stirbt) einzuarbeiten,
doch eigentlich ist die Sache mit Onkel Ben ja schon traurig genug
und es soll ja sommerliches Popcorn-Kino sein. Daher bleibt Mary Jane
(diesmal) das einzige Objekt Peter Parkers.
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Für
doppeltes Aufsehen sorgte ein erster Trailer. Dieser zeigt zunächst
einen Banküberfall. Die Gangster flüchten mit einem Hubschrauber
und bleiben schließlich in einem Netz hängen, das zwischen die Türme
des World Trade Centers gespannt ist. Zum Abschluss war noch ein
sich in toller Tricktechnik durch die Häuserschluchten von New York
hangelnder Spider-Man zu sehen. Zunächst beeindruckte die Idee und
die tricktechnische Ausführung. Das änderte sich nach dem 11. September
als aus allen möglichen Filmen Aufnahmen der Twin Towers digital
entfernt wurde (obwohl im Kino immer Applaus zu hören war, wenn
das World Trade Center zu sehen war). Doch bei "Spider-Man"
war kein komplizierter Nachdreh erforderlich, denn die beschriebene
Szene sollte ohnehin nur im Trailer zu sehen sein. Der Trailer wurde
von der Columbia zurückgezogen und ist mittlerweile ein begehrtes
Sammlerobjekt, ebenso das erste Plakat auf dem sich die Zwillingstürme
in den Augen des Netzschwingers spiegeln.
Neben der Tricktechnik macht auch die interessant ausgewählte Besetzung
neugierig auf den Film. Tobey Maguire bewies schon in "Gottes
Werk und Teufels Beitrag", dass er sowohl die Naivität von
Peter Parker als auch die Souveränität von Spider-Man verkörpern
kann. Kirsten Dunst ist von "Interview mit einem Vampir"
bis zu "Girls United" durch ihre Natürlichkeit immer wieder
sehr erfreulich aufgefallen und sieht als Mary Jane auch mit roten
Haaren phantastisch aus. William Dafoe ist als Schurke zwar nicht
unbedingt eine Überraschung, wir erinnern uns (eher ungern) an "Speed
2", doch angeblich war er bereits als Joker für den ersten
Batman-Film im Gespräch. Auf alle Fälle ist er ein sehr interessanter
Norman Osborn und hat sogar fast alle Stunts in der grünlich schimmernden
Rüstung des Green Goblin selbst ausgeführt. Die Wichtigkeit der
Rollen von Peter Parkers Onkel Ben und Tante May unterstreicht die
Besetzung dieses Parts mit dem oscar-prämierten Veteranen Cliff
Robertson und Rosemary Harris. Wenn sich hingegen J. K. Simmons
als scharfzüngiger Zeitungsverleger J. J. Jameson in seinen Betonhaarschnitt
greift und Groucho-Sprüche wie "Ich traue nur meinem Friseur"
absondert, kommt Bedauern auf, dass er nur sehr auftaucht.
Der fertige Film überzeugt insgesamt durchaus. Dies liegt jedoch
seltsamerweise weniger an den Spezialeffekte, die vom "Star
Wars"-Veteranen John Dykstra, zwar passabel aber nicht übermäßig
beeindruckend oder gar bahnbrechend ausgeführt wurden. Sehr viel
wichtiger ist, dass bei allen eher kleinen Änderungen an der Comicvorlage
dem Geist des Originals treu geblieben wurde. Die Geschichte um
Peter Parker, der plötzlich erfährt, dass Superkräfte auch Superprobleme
mit sich bringen, ist ein sehr solider Mythos, der auch endlich
in einem angemessenen Film umgesetzt wurde.
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