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Kann man heutzutage noch neue Musik "erfinden"? Oder
bleibt es dabei, Elemente verschiedener Stilrichtungen zu kombinieren, um
so neue Nuancen vertrauter Musik herauszuputzen?
Bei "Balkea", dem zweiten Album des Sandy Lopicic
Orkestar, entsteht aus der Kombination traditioneller Tänze des gesamten
Balkans mit modernen Jazzklängen jedenfalls etwas, das man so zuvor noch
nicht unbedingt gehört hat, und das deutlich mehr ist, als die Summe seiner
Teile. Meine Freundin kommt aus Serbien, und sie ist begeistert. Und obwohl
ich
zugegebenermaßen mit Jazz nicht viel anfangen kann, muss ich sagen, auch
ich habe auf dem Album vieles gefunden, das mich schwer beeindruckt hat.
Ganz Österreich, wo das Sandy Lopicic Orkestar bereits Kultstatus genießt,
kann ja auch nicht unbedingt fehlgehen, oder?
Bewusst nationenübergreifend hat die Truppe hier ein
Projekt entwickelt, das Grenzen überschreitet. Nicht nur politische
Grenzen, sondern auch die Grenzen im Kopf. Uralte Tänze aus dem
ganzen Balkan werden mit modernem Jazz aufgepeppt und lassen einen
richtig mitschwingen. Frauen singen gegen jede Tradition Männerparts,
und ein Deutscher schreibt baltische Tänze. Wer braucht da noch
zusammengecastete Retorten-Mulitkultis? Bei der wilden (positiv
gemeint) Mischung von Besinnlichem, vor Freude Überschäumendem,
Traurigem und Kraftvollen ist wirklich für jeden etwas dabei.
Besonders gefallen haben mir die Acapella-Gesangsparts der drei
Sängerinnen, die wirklich Power haben.
Ein sehr schönes Beiheft begleitet die CD. Darin sind die Texte der Lieder in
mehrere europäische Sprachen übersetzt, und teilweise auch im Original abgedruckt.
Zahlreiche Informationen über das ausgebreitete künstlerische Schaffen und
die Geschichte des Orkestar runden das Bild angenehm ab. Einziger
Strinrunzler für mich war der reichlich bombastische Einführungstext, der
so gar nicht zu der Bescheidenheit passt, mit der sich Bandleader und
Pianist Sandy Lopicic im Hintergrund hält. Eigentlich hatte ich den
Eindruck, in ihm einen sehr soliden Künstler vor mir zu haben, der sich
nicht ins Rampenlicht drängt, was mir sehr gefällt. Dass der Verlag gleich
dermaßen auf die Pauke haut, von einem “Fieber" zu schreiben, das,
wenn ich den Text richtig interpretiere, mehr Opfer fordert als weiland die
Pest, halte ich für etwas zu polternd. Es mag daran liegen, dass das Sandy
Lopicic Orkestar bei uns noch nicht bekannt ist und dieser Tage in Frankfurt sein Deutschlanddebüt
gab. Bei mir hat man da offene Türen eingerannt. Die Musik spricht völlig
für sich selbst. Daher auch von meiner Seite genug der Worte.
Selber reinhören. Mitschwingen!.
Samar Ertsey
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