Multikulti ohne Castingshow

 

 

Interpret/Komponist:

Sandy Lopicic Orkestar

Titel:

Balkea

Tracks:

14

Spieldauer:

52:54 min

Label:

Network

Website:

www.networkmedien.de        


Kann man heutzutage noch neue Musik "erfinden"? Oder bleibt es dabei, Elemente verschiedener Stilrichtungen zu kombinieren, um so neue Nuancen vertrauter Musik herauszuputzen?

 

    

 


Bei "Balkea", dem zweiten Album des Sandy Lopicic Orkestar, entsteht aus der Kombination traditioneller Tänze des gesamten Balkans mit modernen Jazzklängen jedenfalls etwas, das man so zuvor noch nicht unbedingt gehört hat, und das deutlich mehr ist, als die Summe seiner Teile. Meine Freundin kommt aus Serbien, und sie ist begeistert. Und obwohl ich
zugegebenermaßen mit Jazz nicht viel anfangen kann, muss ich sagen, auch ich habe auf dem Album vieles gefunden, das mich schwer beeindruckt hat. Ganz Österreich, wo das Sandy Lopicic Orkestar bereits Kultstatus genießt, kann ja auch nicht unbedingt fehlgehen, oder?

Bewusst nationenübergreifend hat die Truppe hier ein Projekt entwickelt, das Grenzen überschreitet. Nicht nur politische Grenzen, sondern auch die Grenzen im Kopf. Uralte Tänze aus dem ganzen Balkan werden mit modernem Jazz aufgepeppt und lassen einen richtig mitschwingen. Frauen singen gegen jede Tradition Männerparts, und ein Deutscher schreibt baltische Tänze. Wer braucht da noch zusammengecastete Retorten-Mulitkultis? Bei der wilden (positiv gemeint) Mischung von Besinnlichem, vor Freude Überschäumendem, Traurigem und Kraftvollen ist wirklich für jeden etwas dabei. Besonders gefallen haben mir die Acapella-Gesangsparts der drei Sängerinnen, die wirklich Power haben.


Ein sehr schönes Beiheft begleitet die CD. Darin sind die Texte der Lieder in mehrere europäische Sprachen übersetzt, und teilweise auch im Original abgedruckt. Zahlreiche Informationen über das ausgebreitete künstlerische Schaffen und die Geschichte des Orkestar runden das Bild angenehm ab. Einziger Strinrunzler für mich war der reichlich bombastische Einführungstext, der so gar nicht zu der Bescheidenheit passt, mit der sich Bandleader und Pianist Sandy Lopicic im Hintergrund hält. Eigentlich hatte ich den Eindruck, in ihm einen sehr soliden Künstler vor mir zu haben, der sich nicht ins Rampenlicht drängt, was mir sehr gefällt. Dass der Verlag gleich dermaßen auf die Pauke haut, von einem “Fieber" zu schreiben, das, wenn ich den Text richtig interpretiere, mehr Opfer fordert als weiland die Pest, halte ich für etwas zu polternd. Es mag daran liegen, dass das Sandy Lopicic Orkestar bei uns noch nicht bekannt ist und dieser  Tage in Frankfurt sein Deutschlanddebüt gab. Bei mir hat man da offene Türen eingerannt. Die Musik spricht völlig für sich selbst. Daher auch von meiner  Seite genug der Worte.
Selber reinhören. Mitschwingen!.

 

Samar Ertsey                       

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